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Friday, April 11, 2014

Was Süßes zum Wochenende

Bisher wurde er ja gnadenlos vernachlässigt, der jüngste Sohn. Also rein blog-technisch, im wirklichen Leben ist das bei dem Organ kaum möglich, selbst wenn man wollte. Er ist ein Herzchen, der jüngste Sohn und mit seiner vollen Haarpracht süß anzuschauen (findet jedenfalls die Mutter).

So lieb kann man dem großen Bruder bei seinem Auftritt zuschauen.

Man könnte es die perfekte Tarnung nennen. In Wahrheit ist dieses Kind nämlich gar nicht das jüngste in der Familie. Es ist mindestens  das Zweitälteste oder sogar das Ältestes. Manchmal ist es auch ein Elternteil und dann schimpft es mit erhobenem Zeigefinger mit den Geschwistern lauthals - wahlweise auch mal mit der Mama, beim Papa hat er dann doch zuviel Respekt -  weil diese etwas falsch gemacht haben oder nicht hören. Erklärungen und Ermahnungen sind lustig und können weggelacht werden, ganz klar. Überhaupt, mangelnde Größe ist kein Grund, nicht an alles zu kommen. Mangelnde motorische Fähigkeiten auch nicht. Man macht halt einfach und klettert soweit man kommt. Irgendwie wird man schon gerettet, wenn es nicht weitergeht. Sollte man doch mal wieder auf den Kopf gefallen sein, kann man aber, nachdem man lauthals brüllend verkündet hat, wie weh das doch getan hat, nach 2 Sekunden genauso weitermachen wie bisher. Warum sollte man auch was ändern? Bei fünf waghalsigen Aktionen geht ja nur einmal etwas schief, ist doch ein guter Schnitt. Absoluter Nervenzusammenbruch ist derzeit angesagt, wenn man in den Autositz gehoben wird, weil man es partout nicht schafft von alleine hineinzuklettern. Man wirft sich zurück, brüllt aus vollem Hals, macht sich steif und liefert der Frau Mama einen echten Ringkampf, bis man sich immernoch brüllend anschnallen lässt. Ein zuverlässig wiederkehrender zweimaliger Höhepunkt meiner Wochentage!!! Überhaupt ist es schwer verständlich, warum das Auto nicht zum extra Spielzimmer erklärt werden kann. Diese Klettermöglichkeiten! Es blinkt! Es hat viele interessante Knöpfe! Verweigerung ist auch nicht akzeptabel, denn: wenn man etwas haben will, dann will man es auch haben. Egal, ob es der älteren Schwester gehört oder einfach nur gefährlich ist. Man bekommt es nicht? Man brüllt. Laut. Oder man nimmt den gewünschten Gegenstand und erledigt damit den Gegner (Autos/großer Bruder/Kopf).
Die zwei Jüngsten beim Klettern in Kisten, die aus unerfindlichen Gründen längere Zeit in unserem Wohnzimmer herumstanden.

Sehr beliebt: der Mama morgens beim Schminken im Bad zuschauen. Hat sie die Kosmetiktasche auf dem Waschbecken vergessen: ran an die Mascara und Kriegsbemalung auf die Wangen!!! Passiert mindestens dreimal die Woche .... (ich lerne es halt auch nicht, aber so ohne Kaffee am Morgen).
Am Tisch zeigen sich auch interessante Verhaltensweisen: ist man nicht mehr hungrig und hat noch was auf dem Teller, dann entsorgt man den Rest in einem unbeobachteten Moment einfach ganz schnell unter dem Tisch. So sieht es dann wenigstens aus, als hätte man alles gegessen.

Im Allgemeinen ist er aber eine Frohnatur. Man darf ihn nur nicht ägern.

Auf der anderen Seite: er ist auch empathisch. Immer wenn der nächstältere Sohn weint, weil er sich wehgetan hat, kommt der jüngste zuverlässig angesaust und will umarmen und trösten, streicheln und küssen. Überhaupt, gelegentliche Zuneigungsbekundungen sorgen für eine gute Grundstimmung, soviel hat er verstanden. Seitdem werde ich häufiger energisch geküsst, vornehmlich wenn wir uns auf gleicher Höhe befinden (logisch). "MAMA!" sagt er dann, dreht meinen Kopf in Position und schmatzt mir schmallippig mit breitem Grinsen auf die Wange. Außerdem kann er ganz entsetzlich süß gucken, wenn er einen um den kleinen Finger wickeln will - was soll ich sagen, es funktioniert. Alle anderen haben es ja vor ihm auch geschafft. 
Außerdem tanzt und singt er gerne. Am besten ist es, wenn er die Schultern lässig im Takt hochzieht und wieder fallen lässt oder die Star Wars-Titelmusik versucht zu summen. (Verseucht, durch den ältesten Sohn.)


Tuesday, April 1, 2014

Das Fass ohne Boden (2)

- Die Situation der Tochter

Mit meinem ersten Post (Das Faß ohne Boden 1) über die Schulsituation unserer Tochter hatte sich meine Frustration tatsächlich etwas beruhigt. So sehr, dass hier mal wieder sage und schreibe 12 Tage lang nichts passiert ist. ;O) Heute dann aber wieder sah ich rot, die Alarmglocken schrillten in meinem Kopf und schnaufend wie eine Dampfwalze  verließ ich das Schulgebäude .... naja, fast jedenfalls. Ganz so dramatisch war es nicht, aber es klingt gut. 

Wie ist nun die aktuelle Situation der Tochter? Sie geht auf eine sogenannte "Friskola", also keine staatliches, sondern eine der vielen privaten Schulen.
Grundsätzlich sind wir hier überhaupt nicht gegen staatliche Schulen, es ist nur leider so, dass unsere Heimatkommune unter aktueller Führung den Schwerpunkt auf Unternehmen und Fußballarenen und weniger auf Kindergärten und Schulen legt. Die Gruppen der kommunalen Kindergärten bersten mit oft mehr als 22 Kindern, die Grundschulen befinden sich in einem erbärmlichen Zustand, "unrentable" Schulen wurden ohne Rückshicht auf deren fantastisch umgesetztes Konzept geschlossen, statt sie zu stärken, und personalmäßig ist man ebenfalls unterbesetzt. Dafür wartet man mit großen Schülerzahlen und Schulalltag nach Mindestanforderung auf. Irgendwie war ich nicht bereit, erstens, mein Kind dem auszusetzen, zweitens, solches Verhalten zu unterstützen.

Dank der Absage durch die Deutsche Schule suchten wir also händeringend nach einer Alternative und ich klapperte verschiedene Schulen in Stockholm selbst ab. Leider waren die kommunalen dank des starken Geburtenjahrgangs 2007 voll und da das Vorschuljahr nicht verpflichtend ist (also noch im Kindergarten verbracht werden kann), gab es natürlich auch keine "Platzgarantie". Wir bekamen schließlich einen Platz an einer englischsprachigen Schule angeboten und da wir Englisch tagtäglich zuhause sprechen (der Herzallerliebste und ich) und die Tochter Englisch ohne Probleme versteht, dachten wir: naja, wenigstens wird ihr Englisch dann auch in den aktiven Sprachgebrauch gebracht.
Wir schauten uns die Schule an und Vorteile gegenüber den anderen waren Klassen, die auch nach dem Unterricht in der "Fritids" eine Einheit bildeden, zwei Lehrer (Englisch und Schwedisch), die sich den Unterricht gemeinsam teilen und ein Fritidslehrer, der auf dem Kernunterricht aufbauende Aktivitäten mit den Kindern durchführt. Anders als in der deutschen Schule, die nach deutschen Lehrplan unterrichtet (der die akademischen Anforderungen des schwedischen übersteigt) wir hier nach schwedischem Lehrplan unterricht, allerdings bilingual. Sprich, der Englisch-Lehrer spricht Englisch, die Schwedisch-Lehrerin spricht Schwedisch. Wir haben dieses Konzept auch in dem Wissen gewählt, dass wir wenn möglich nach einem Jahr auf eine andere Schule wechseln. Die Kernzeit von 9 Uhr bis rund 13 Uhr, danach Fritids mit organisiertem Programm bis ungefähr drei. Die Schule bestach nicht durch Schönheit, im Vergleich aber durch Übersichtlichkeit und ein akzeptables Maß an Instandhaltung sowie einen netten Schulhof. Von Vorteil auch, dass in der Schule morgens Frühstück angeboten wird, was die Tochter und ich eigentlich regelmäßig nutzen, da alle unsere Jungs im Kindergarten essen können und wir alle so etwas schneller aus dem Haus sind. Soweit so gut. Tatsächlich gehören diese Sachen nach wie vor zu den Pluspunkten der Schule.
Die Probleme fingen an, als meine deutschen akademischen Vorstellungen mit einer nicht konsequent umgesetzten schwedisch/anglo-amerikanischen Pädagogik in Konflikt gerieten. Also in meinen eigenen internen Konflikt, nicht in einem offenen ausgetragenen. Momentan kann ich an der Situation nämlich nichts ändern und ich will dem Kind ja nicht das Leben zur Hölle machen.
Nach dem schwedischen Schulprinzip muss Schule kostenfrei sein, sodass alle Materialien von der Schulge gestellt werden (inklusive Farbe, Stifte, Papier, Scheren, Kleber, usw.). Das "Unterrichtsmaterial" besteht in der Konsequenz aber leider dann auch aus zusammenkopiertem Material, was ich bei Grundschülern grundsätzlich noch nicht für vorteilhaft halte - der Übersichtlichkeit wegen. Dazu kommt, dass eine grundsätzliche Strukturierung nicht zu erkennen ist. Die liegt nämlich dann beim Lehrer und ist ohne Stütze eines kompletten Buches natürlich schwieriger zu gestalten (mehr Arbeits- und Zeitaufwand in der Vorbereitung). Außerdem liegt das Hauptgewicht auf einer Art Sachkundeunterricht, der nicht frontal gegeben wird, sondern wann immer möglich in Gruppenarbeit stattfindet. Es werden also eifrig veranschaulichende Wandbilder in unterschiedlichsten Ausformungen erstellt, usw. usw. Nebenher sollen auch Zahlen/Rechnen bis 20 und Schreiben/Lesen unterrichtet werden. Ist der Sachkundeunterricht noch halbwegs strukturiert, fängt da das Chaos an. Ich habe mich fürchterlich geärgert, dass mein Kind tagtäglich schnipselt und klebt, aber kaum schreibt. Schreiben dürfen Schüler üben, die mit ihren Projektarbeiten fertig sind. Nicht nur freiwillig, es kontrolliert/hilft offensichtlich auch keiner.
Dazu kommt das Problem mit der Struktur. Derzeit hat das Kind noch Schwächen mit drei bis vier Buchstaben: T, R, P und W (beim Lesen). Sie hat aber schon gefühlte 100 Mal A, B, C, usw. geübt. Derzeit ist den Lehrern mal wieder eingefallen, dass man ja Zahlen tatsächlich auch SCHREIBEN üben muss, um sie zu können. Also sind wir wieder bei den Zahlen 1 bis 10. Das Lernen des ABCs scheint auch eine Hürde zu sein, die kaum zu bewältigen ist. Also üben wir wann immer ich oder der Herzallerliebste kann,  zuhause. Heute habe ich wieder mal die Schulmaterialien in der Schule kontrolliert (eine Schublade, wo alle fertigen und unfertigen Meisterwerke abgelegt werden).... kein Mensch achtet darauf, dass das Kind angefangene Arbeitsblätter auch beendet. Kein Mensch achtet darauf, was wie in dieser Schublade landet.  Und da es ja keine Hausaufgaben geben darf (einmal in der Woche, übers Wochenende und das ist im Vergleich schon viel, ehrlich!), bleiben die Arbeitsblätter also unfertig in der Schublade liegen. Mitnehmen, so hat man mir erklärt, darf ich sie allerdings auch nicht. GAAAAAAAAAAAAAAAAH. Im Schreibheft (mit Linien) hat auch keiner kontrolliert, die Schreibübungen des Schuljahres erstrecken sich auf die Buchstaben A,B,C!!! Sicheres Rechnen im Zahlenraum über 10 - eine Hausaufgabe mit Additionsaufgaben gab es bisher.
Ich bin ja gar kein fundamentalistischer Befürworter von Frontalunterricht und  Druck, dass die Kinder nach einem Jahr Lesen, Schreiben und Rechnen müssen. Im Gegenteil, mich begeister dieser dem deutschen System so gegenläufige Ansatz, der hier grundsätzlich vorherrscht und den ich vom pädagogischen Grundprinzip her für wesentlich besser halte, als das ständige deutsche Bestreben, alle Kinder genau gleich zu machen.  Aber dieses dauernde Chaos ist unerträglich. Warum ist das also so?
Zum einen ist dieses ganze Vorschuljahr ein einziges Konstrukt. Man hat bei seiner Einführung spezielle Vorschullehrer ausgebildet, setzt diese aber eigentlich nicht ein. Stattdessen werden normale Grundschullehrer eingesetzt, die eigentlich nicht so richtig wissen, was sie machen sollen (wenn man Glück hat). Zum Beispiel:
Eine unserer Kindergartenbetreuerinnen ist Vorschullehrerin und Erzieherin. Der zuständige Betreuer Grundschullehrer/ Erzieher mit Lehrberechtigung bis Klasse 4.
Unser Sohn liest, kann das ABC, und rechnet mit Zahlen bis 20. Das ist natürlich auch ein individueller Unterschied zwischen unseren Kindern, aber es spricht auch für das Angebot des Kindergartens, dort hat er es nämlich gelernt. Dort wird mit den 5-jährigen genau das gemacht, was eigentlich in der Vorschulklasse passieren sollte (Immerhin 18 in der Gruppe). Die beiden verantwortlichen Erzieher sprechen sich ab, bereiten gemeinsam vor, und achten auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder. Diese beiden Erzieher haben eine fundierte pädagogische Ausbildung und  können auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen. Diese Erzieher werden durch den Arbeitgeber (auch hier ein freistehender Kindergarten) in der Qualität kontrolliert. Sie werden weitergebildet. Sie tauschen sich untereinander aus. Es wird an ihrem Arbeitsplatz erwartet, dass sie ihren Job Ernst nehmen. Was bitte passiert also in dieser Grundschule auf einmal?
Ich habe nicht gefragt, aber ich vermute starkt, dass der Englisch-Lehrer keinen Abschluß als Grundschullehrer hat - zumindestens keinen schwedischen. Die Schwedisch-Lehrerin ist neu und jung, sie kann ich mit mangelnder Erfahrung entschuldigen, denn tatsächlich war alles etwas strukturierter und angepasster, als sie alleine für die Klasse verantwortlich war. (Der Englisch-Lehrer befand sich im Urlaub, wieso darf der das eigentlich, mitten im Schuljahr?????). Vom Anforderungsniveau hätte sie aber durchaus doch etwas höher stapeln dürfen. Das lässt mich schon mal an der Schulleitung zweifeln. Warum wird nicht auf die Qualität des angestellten Personals geachtet? Warum wird der Unterrichtsinhalt nicht kontrolliert/vorgegeben? Warum kann man sich mit seinen Bedenken nicht an das Schulamt wendegn (Antwort: aufgeweichte Regeln).
Der Grundgedanke ist, dass alle Kinder mitgezogen werden sollen und tatsächlich hat das lange Zeit in diesem System wohl auch geklappt. Aber da waren Leher gut bezahlt, gut ausgebildet und die Vorgaben waren genau und deren Befolgung wurde offensichtlich kontrolliert. Oder es herrschte grundsätzlich eine andere Vorstellung von Lehren/Lernen.  Jetzt wirkt zum Beispiel das Schulamt (skollverket) vollkommen unfähig, irgendetwas bis auf weitgefasste Rahmenbestimmungen durchzusetzen.
Früher waren nicht nur auf dem Papier zwei bis drei Lehrer in der Klasse, sondern diese waren tatsächlich anwesend. Der Herzallerliebste hat (vor rund 20 Jahren) eine Weile als Assistenz-Lehrer gearbeitet. Nach seiner Darstellung waren Aufgabenverteilung, Anforderungen und Absprache vorhanden, man schaffte es (mit durchaus unorthodoxen Mitteln) tatsächlich, die schwachen Kinder abzufangen, während die Leistungsstarken weiterlernen konnten. 
Heute sollen die Kinder in der 1. Klasse Schreiben, Lesen,  im Zahlenraum bis 100 rechnen .... wenn die Grundlagen schon nicht gegeben sind, worauf soll man in Klasse 1 bitte aufbauen? Für viele Kinder wird das doppelter Stress ... oder sie lernen es eben gar nicht. Und dann wundert man sich, dass die Pisa-Ergebnisse lausig sind?? Kann nicht sein.
Was ich erlebe ist ein vormals brilliantes Schulsystem (!!!), das ausgehöhlt und sinnentleert wurde - aktiv. Man hat grundsätzliche Regelungen zur Funktion gelockert, hat die Struktur bis zur Unkenntlichkeit verwischt und halbgare Neueinführungen gemacht, ohne nach einem wissenschaftlich-pädagogischen Grund zu schauen. Ehrlich, man könnte brüllen vor Verzweiflung. (Das muss in Fett-Schrift sein, man kann es gar nicht genug betonen.)

Ich will versuchen in einem dritten Teil ein paar der Änderungen in den letzten 10 Jahren zu recherchieren und darzulegen, aber das ist eine relative umfassende Aufgabe, es mag also etwas dauern. Aber ich bin es so leid, dass keiner (außer den Pädagogen hier, aber auf die hört keiner) das laut und deutlich sagt. Statt dessen versucht man den Leuten weiß zu machen, dass ja alles nur halb so schlimm sei und mit ein paar glanzvollen oberflächlichen Änderungen sei alles ganz schnell zu retten. Es ist, also ob Schweden in den letzten Jahre den eigenen Weg verloren hätte. Eigentlich ein Drama.

Wednesday, March 12, 2014

Das Faß ohne Boden (1)

Das Thema Schule scheint im Moment genau das zu sein, ein Fass ohne Boden. Ich könnte vermutlich mehrere Einträge dazu machen, einen zur politischen Situation, einen zur aktuellen Lage in der schwedischen Schule/dem schwedischen Schulsystem und einen zur aktuellen Situation unserer Tochter sowie einen zu Mentalitätsunterschieden. Denn wir haben das große "Glück" mit unserer Tochter die volle Breitseite negativer Auswirkungen zu erleben.
Ich versuche mich mit diesem ersten Post dem Thema anzunähern, denn oft, wenn ich meine Tochter wie heute in der Schule gelassen habe, komme ich nach Hause und fühle mich ---- schlecht.
Zu Beginn möchte ich erst ein paar Dinge klären.
Ich habe ein persönliches Handicap. Ich bin Linguist, habe selbst (Erwachsene) unterrichtet und bin vermutlich zu gut belesen. Das ist nicht immer hilfreich. Außerdem ist es mir wichtig, dass meine Kinder eine gute Bildung erhalten, was für mich im Klartext heißt, dass sie lernen, ihre Kapazitäten zu nutzen. Nach ihren Möglichkeiten. Nicht mehr, aber sicher auch nicht weniger.

Ich respektiere den Beruf des Lehrers. Als ich begann zu studieren, war ich auf Lehramt eingeschrieben. Die ersten Vorlesungen in Pädagogik und andere persönliche Interessen sowie das ausgeprägte Wissen um eigene Schwächen und persönliche Erfahrungen mit sehr guten, normalen und (einem besonders) schlechten Lehrern ließen mich zu dem Schluss kommen, dass ich meine Persönlichkeit weniger geneigten Schülern nicht zumuten wollte. Ich wollte nicht die Person sein,die aus Ungeduld oder Ignoranz oder einfach ausversehen ein eigentlich fähiges Kind über die Klinge springen lässt. Aktuell ärgere ich mich fast ein bisschen, ich glaube ich war überkritisch mit mir selbst.
Ich respektiere den Beruf des Lehrers. Es ist ein anstrengender Beruf, der viel von den ausübenden Personen abverlangt, in sowohl Fachwissen wie auch Pädagogik und Didaktik, als auch von der Persönlichkeit und vom Fleiß des jeweiligen Lehrers.
Ich bin der Überzeugung, dass man Schule als Institution respektieren sollte. Gerade als Eltern. Heißt, ich will eigentlich nicht wegen jedem noch so kleinen Mist meine Nase in die Berufsausübung des Lehrers stecken müssen.
Ich habe mich vor Weihnachten stark zurückgenommen, dachte, wir als Eltern überfordern das Kind, machen zuviel Druck und dass ich meinen Einfluss zurücknehmen muss. Ergebnis war, dass ich vor Weihnachten eine fast depressive 6-jährige Zuhause hatte, die mir erklärte, dass sie weder schreiben noch rechnen durfte .... was ich nach einem scheinbar gut laufenden Entwicklungsgespräch im Oktober gar nicht verstehen konnte ....
Ich begann nach Weihnachten ein bisschen nachzuforschen, die drei, vier anderen Eltern mit denen ich mich unterhielt schienen alle zufrieden. Wir reden hier von Eltern, die selbst akademische Abschlüsse haben. Die Kinder lesen, rechnen und schreiben in einem für 6-jährige und schwedischen Vorstellungen entsprechendem Maße. Nur bei meiner Tochter passierte einfach NICHTS. Ich begann in der Schule nachzuforschen, blieb im Unterricht dabei und überprüfte die Schulmaterialien meiner Tochter, die hier in Schweden (an dieser Schule) eben in der Schule verbleiben.
Ich begann zu verstehen. Alle diese anderen Kinder hatten lesen und rechnen zuhause gelernt. Alle diese anderen Kinder fühlten sich in ihrem Lernvermögen sicher, etwas, womit meine Tochter Schwierigkeiten hat und wo sie leider voll nach ihrer Mutter schlägt. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich mindestens durchschnittlich intelligent bin. Warum es mir bisher nicht gelungen ist, dies meiner Tochter zu vermitteln - wenn ich das nur wüsste. Oder wie ich es machen soll.
Alle anderen Kinder können - ganz wie z.B. mein Sohn - einfach lernen ohne zu hinterfragen warum. Sie haben Spaß daran. Meine Tochter hat im Hintergrund immer diese Frage: "warum?". Nein, dass ist natürlich nicht hilfreich. Es macht es schwieriger und komplizierte dieses Kind zu unterrichten. Man müsste eine tiefere Kommunikation mit ihr pflegen und ihr das Gefühl geben, dass das was sie in dem Moment macht, Bedeutung hat. Überhaupt muss man mit ihr kommunizieren, ihr Feedback geben. Sie will angeleitet werden, will einem Beispiel folgen können.  Ja, man kann sich fragen, was wir da eigentlich in der Erziehung vergeigt haben (ich tue es recht häufig) und manchmal denke ich: verdammt, sie ist halt einfach so, daran ist ja eigentlich nichts falsch, sie ist ja verflixt nochmal ein Kind. Ich denke auch, dass esverflixt nochmal genau die Aufgabe der sie umgebenden Erwachsenen ist, ihr diese Zweifel zu nehmen.
Die Lehrer haben mir bisher nur eines gezeigt, nämlich dass sie diese Notwendigkeiten für mein Kind weder sehen, noch verstehen, noch irgendwie darauf produktiv reagieren können.
Was natürlich auf eine wenig grandiose Ausbildung bzw. Fähigkeit in der Berufsausübung schließen lässt. (Wir reden hier immerhin von einem Englisch-Lehrer, einer Schwedisch-Lehrerin, die in der Kernzeit gleichzeitig im Klassenzimmer anwesend sind). Was natürlich dazu führt, dass meine Tochter weiter zurückfällt. Was natürlich dazu führt, dass ich zuhause doppelt und dreifach kompensieren muss. Was natürlich bedeutet, dass ich dieses Kind ganz schnell nach dem Sommer auf eine andere Schule schicken muss. Es manifestiert sich nämlich ein vollkommen unfundiertes Selbstbild in diesem kleinen Kopft, das vollkommen in die falsche Richtung läuft. Und das mit nur 6 Jahren in der "Vorschulklasse". Sowas nenne ich Bildungserfolg - NOT.

PS.: Ja, ich sehe ein, dass ich eigentlich zu verkrampft bin. Aber im Ernst, wenn man sein Kind jeden Tag in eine sogenannte Schule bringt und dann nach 8 Monaten Fortschritte erkennen möchte und wenig bis gar nichts passiert ist - wer würde da nicht verkrampfen???

PPS.: Kommentare sind mehr als willkommen. Ich bin im Moment für jede Anregung dankbar,denn ich fühle mich wie (um es sinngemaß mit Pink Floyd zu sagen):  a (two) lost soul(s) swimming in a fish bowl, year after year." 

Tuesday, September 3, 2013

Misstrauisch

... beobachte ich den Schulgang unserer Tochter. Seit zwei Wochen ist sie jetzt in der Schule und immer noch habe ich leichte Panikgefühle. Lernt das Kind genug??? Sind die Lehrmethoden sinnvoll? Ist das Kind intellektuell unterfordert? Spricht sie im Unterricht dazwischen, kann sie sich konzentrieren? Wenn nicht, ist sie dann vielleicht von der Klassensituation überfordert? Man kann es eigentlich drehen und wenden wie man will, man findet permanent etwas worüber man sich Sorgen machen kann. Und in mir wächst die Sehnsucht nach Altbekanntem ( = deutsches Schulsystem). Denn das die Kinder ab dieser Woche einen Buchstaben pro Woche lernen und sich bis Ende des Schuljahres sicher im Zahlenraum bis 10 auskennen sollen, macht es nicht besser.Vorübungen zum Schreiben -bisher auch Fehlanzeige. Wie ist das eigentlich mittlerweile in Deutschland????

Eine "beruhigende" Meldung kann ich kund tun, sie plappert munter auf Englisch los, nicht immer korrekt aber doch mit deutlichen wachsendem Kenntnisstand. Vom deutschen Muttersprachenunterricht habe ich bisher noch nichts gehört, ich muss mal bei der Schulsekretärin nachfragen. Dafür will aber eine Mutter Portugiesisch-Unterricht anbieten ... ich bin verwirrt. 



Monday, August 19, 2013

Erstens kommt es anders

... und zweitens als man denkt.

Was war ich mir sicher, dass unsere Tochter auf die Deutsche Schule gehen würde. So was von sicher. Irgendwann nach dem letzten Blog-Eintrag im April kam dann endlich der heiß-ersehnte Brief von der Schule. Selbstredend mit einer Absage. Im Sinne von: wie immer war die Nachfrage groß, leider konnten wir Ihrem Kind keinen Platz anbieten. Wir wünschen Ihnen alles Gute. Ich kochte, tobte und war verzweifelt. Ich hatte das eindeutige Gefühl, als Elternteil vollkommen versagt zu haben und meine Tochter im Stich gelassen zu haben. Nie, nie, nie würde dieses Kind, das neben Schwedisch ja eigentlich ziemlich gut Deutsch spricht und wenn es sein muss auch Englisch, also nie würde dieses Kind 100-% Zweisprachler werden. Kein doppelter Schulabschluss. Kein gemütlicher Altbau aus Backsteinen mit nur zwei Klassen pro Jahrgang. Alles ganz entsetzlich. Der Herzallerliebste blieb (schwedisch) pragmatisch und rief bei der Schule an. Warum man das Kind nicht angenommen hätte? Die Sekretärin kam mit unterschiedlichen Vorschlägen: zu kurz auf der Warteliste (seit 3 Jahren). Sprachkenntnisse nicht ausreichend (beim Vorstellungsbesuch vom Direktor gelobt für das nette zweisprachige Gespräch). Zu jung (nein, im April geboren). Ja, dann wüsste sie auch nicht so genau warum eigentlich. ..... Ob wir auf die Warteliste wollten (nein, wir waren sauer. Haben uns aber trotzdem auf die Warteliste setzen lassen. Eigentlich nur aus Prinzip. Doofes deutsches Schulsystem.).
Man muss mir meine etwas kindische Reaktion verzeihen. Ich selbst bin glücklich überlebendes Opfer des deutschen Schulsystems. Mit reiner Mädchenklasse, katholischem Gymnasium (damals noch mit wöchentlichem Schulgottesdienst (mit Anwesenheitspflicht) und übrigens einer fantastischen Nonne als Klassenlehrerin), Klassenwiederholung, Schulwechsel, Schulwechsel, usw. Bis zum bitteren Ende als mir die Institutssekretärin freudestrahlend mein MA-Zertifikat überreichte. ;0) Sie verstehen das gespannte Verhältnis, ja?

Mein nächster, sehr pragmatischer Gedanke war: Verflixt, dann eben doch auf eine kommunale Schule in der Heimatkommune. Wir sind schließlich immer noch in Schweden und auch wenn man den Spitzenplatz in der Schulbildung gerüchteweise an Finnen und Niederländer abgeben musste - sooooo schlimm kann das ja selbst in einer Kommune mit zweifelhaftem Ruf aber netten Einwohnern doch gar nicht sein. Ich begann mich genauer umzuhören, schließlich hatte ich ja drei Schulen als Pflichtwahl angegeben und das Ergebnis war .... katastrophal. Die Schule auf der das Kind angemeldet war. ist erstens groß (rund 1000 Schüler bis einschließlich Klasse 9), zweitens permanent personalmäßig unterbesetzt (die größeren Kinder sollen dann als Vorbilder für die kleinen fungieren) und insgesamt ist die Instandhaltung der Schulen in der gesamten Kommune eher .... lieblos (schmeichelhaft ausgedrückt). Mir war nicht mehr nur schlecht, mir war k...übel. Eine Schule in unserer Nähe wurde mir als wenigstens solide empfohlen. Also wurde das Kind dort panisch eingeschrieben. Kurz darauf statteten wir dieser Schule einen Besuch ab und wurden von einer sehr, sehr netten Lehrerin und Direktorin empfangen. Der Zustand der Gebäude war allerdings leicht gräuslich und trotz im letzten Jahr groß angekündigter Sanierungsmaßnahmen war offensichtlich noch gar nichts passiert. Die Schülerzahl war geringfügig besser und das Betreuungkonzept klang gut, bis wir erfuhren, dass für dieses Schuljahr 80 Kinder in der Nachmittagsbetreuung mit maximal 6 Lehrern angesetzt waren.... wenn dann alle 6 Lehrer gleichzeitig mal da wären, bedeutete dies ein Betreuungsverhältnis .... im Geiste hing ich über der Kloschüssel.

Mittlerweile hatte ich nämlich das Prinzip Vorschule verstanden: während der Unterricht im klassischen Sinne in diesem ersten Schuljahr, das hier bewusst mit Klasse 0 bezeichnet wird, nur einen Teil ausmacht (Rechnen und Zahlen bis 10, wenn individuell möglich erstes Lesen und etwas Schreiben, Sport, Hygiene) geht es darum, die Kinder anhand unterschiedlicher thematischer Aktivitäten an das Lernen und eigenständiges Arbeiten heranzuführen. Um Kinder auf diese Weise auf die Schule einzustimmen, braucht es eben Personal und das nicht nur in den 3, 4 Schulstunden Unterricht, sondern besonders gerade in den Betreuungszeiten davor und danach. Also fing ich an, mögliche Schulen in Stockholm anzurufen. Das 2007 ein geburtenstarker Jahrgang war, wusste ich ja schon. Manche waren empört, dass ich überhaupt einfach so anrief, man hatte alle Plätze gefüllt und musste viele andere Kinder abweisen, andere setzten uns auf Wartelisten mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten (die Warteliste der englisch-chinesich-schwedisch-sprachigen Montessorischule umfasst rund 5000 Kinder, wie man mir mitteilte ;o) ) und  eine andere  Schule erbot sofort einen Platz, was irgendwie auf nichts Gutes schließen lies. Eine kurze Recherche brachte eine mangelhafte Bewertung durch das Schulwerk zu Tage. Nach rund einer Woche bangen bekam ich dann eine freundliche E-Mail einer englisch-schwedisch-sprachigen Schule. Man hätte einen Platz, wir sollten uns bitte schnell melden. Ich antwortete umgehend und ein paar Tage später waren wir zum Gespräch in der Schule. Der Direktor wirkte kompetent und freundlich, das Schulkonzept gefiel uns und vor allem befand sich die Betreuung auf einem Niveau, das für Schweden als normal angesehen werden kann. 27 Kinder in einer Klasse (leider 2 mehr als mir lieb wären, aber ok) und drei Lehrer, davon ein Englisch-Lehrer, eine Schwedisch-Lehrerin und ein Vorschullehrer, die gemeinsam ihre Klasse von Morgens bis Mittags circa 3 Uhr durch den Tag begleiten, als Team. Mir ging es schlagartig wieder besser. Die Schülerschaft ist sehr international gemischt. Das Gebäude ist zwar auch ein etwas liebloser Betongbau, aber wenigstens anständig in Schuss gehalten und mit viel grün drumherum (auch wenn ganz unten eine Hauptverkehrsstraße entlangläuft so wirkt der Schulhof doch noch in bescheidenem Maße idyllisch).

Was mir spontan auch zusagte war die Bilingualität, da ich glaube, dass besonders unsere Tochter es leicht hat, Sprachen zu lernen und ich gerne dieses Talent fördern wollte. So kann sie nun ihr Englisch perfektionieren. Glaubt man dem aus Großbritannien stammenden Englischlehrer, so könnte sie in einigen Wochen vollständig flüssig im Englischen sein, was natürlich auf ihren Vorkenntnissen und der Tatsache beruht, dass wir zu hause täglich Englisch sprechen. Im Moment versuche ich noch den Muttersprachenunterricht organisiert zu bekommen, denn leider ist sie das einzige Kind mit Deutsch als Muttersprache an der Schule (wir hatten überlegt sie in den Hindi-Unterricht rein zu schmuggeln ;o) ) und theoretisch hätte sie Anspruch auf 5 Stunden pro Woche. Wenn es aber für dieses Halbjahr noch nicht klappen sollte, dann hoffentlich für das nächste, ich müsste sie dann nämlich an einem oder zwei Tagen noch an eine andere Schule bringen.

Seit Dienstag ist die Tochter also in der Schule und im Moment ist sie hochmotiviert. Mal sehen, wie lange das anhält. Jeden Morgen liefern wir sie zwischen 8 und 8:30 Uhr ab, sie kann dann noch in Ruhe frühstücken und um 9 beginnt der Unterricht. Abholen werde ich sie in Zukunft um circa 15 Uhr. Glücklicherweise liegt der Kindergarten auf der Strecke, sodass die Jungs alle mit ihr in einem Schwung gebracht und abgeholt werden können. Vorläufig heißt das für uns erstmal: Ende gut, alles gut.

Thursday, April 18, 2013

Immer wieder schön ist es, ...

... über Schweden in deutschen Zeitung (hier SZ) zu lesen. Hier jetzt also die paradiesischen Zustände in schwedischen Kindergärten.

Von schwedischen Kindergärten lernen


Allerdings lässt der Artikel einige Informationen aus. So sind die "Rund-um-die-Uhr"-Kindergärten vor allem für Eltern gedacht, die oft auch abends oder am Wochenende arbeiten müssen und dazu eventuell "alleinerziehend" sind. Diese Art der Kindergärten ist bei Weitem nicht die Regel und wenn ich ganz richtig informiert bin, auch erst eine relativ neue Idee. Das ändert aber an der Gesamtzahl an Betreuungsstunden pro Woche wenig (max. 40). Da in Schweden die Ehefrauen nicht automatisch über ihre Männer mitversorgt sind (z.B. gibt es auch kein Ehegattensplitting), ist der Bedarf für die Frauen zu arbeiten seit langem zwingender gegeben als es noch bis vor Kurzem in Deutschland der Fall war. Außerdem entsprach dies ohnehin mehr dem sozialistischen, feministischen Weltbild, dass Schweden so lange beherrschte.

Die im Artikel genannte Gemeinde Nacka liegt im Süden Stockholms und kann getrost als eine der bessergestellten Kommunen bezeichnet werden. Will heißen, dass dort mehrheitlich ohnehin eher einkommens- und bildungsstarke Familien wohnen, die qualitativ hochwertigen Betreuungsangeboten "erwarten" werden. Wer sich da als Politiker beliebt machen (sprich wiedergewählt) werden will, sorgt besser für gut funktionierende Kindergärten. Anders sieht es zum Beispiel in unserer Kommune aus, wo sich gerade massiver Widerstand gegen die verdeckten Einsparungen im Bildungsbereich zu formatieren beginnt. Hier werden vor allem die wachsenden Gruppengrößen, Verkürzung von Betreuungszeiten von Kindern mit einem Elternteil in Elternzeit sowie die mangelnde Aufrüstung / Instandhaltung der Kindergärten bemängelt. Tatsächlich hat sich auch in unserem privat geführten Kindergarten eine Vergrößerung der Gruppen nicht vermeiden lassen. Mich ärgert das nicht nur wegen meiner Kindern, es ist auch eine maßgebliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die von mir sehr geschätzten Pädagogen, die ich auf Dauer für nicht akzeptabel halte.

Generell kann man glaube ich aber behaupten, dass schwedische Kindergärten oft weniger pompös ausgestattet sind, als deutsche. Also zumindest, wenn ich das mit den neuen Einrichtungen in meiner Heimatregion vergleiche. Da stehen ganze Abendteuerspielplätze vor der Tür, während bei uns z.B. "nur" zwei Wippen, eine riesige Sandkiste (mit entsprechend Spielzeug) und einem bewaldeten Mini-Hügelchen zur Verfügung stehen (selbst das ist eigentlich schon euphemistisch ausgedrückt). Okay, es gibt auch noch die Pflanzkästen und  die "Snickerboa" (Tischlerschuppen). Es werden regelmäßig viele Ausflüge gemacht, sei es in Museen, Bibliotheken, Parks oder auch mal ins Theater, eigentlich sind ständig irgendwelche Projekte in Gang (aktuell: elektrische Gerätefür die Großen) und die Räumlichkeiten werden immer (mit einfachen Mitteln) den Interessen der jeweiligen Gruppe angepasst.

Auch bei uns schlafen die Kinder im Freien (in ihren Kinderwagen). Auch im Winter, was ich mit Schneeanzug und dickem Fusssack auch bei Minusgraden nicht als problematisch empfinde. Es sorgt auch nicht für mehr Krankheitsfälle. Rollt die Grippewelle über Schweden hinweg, dann rollt sie auch über die Kinder hinweg, aber ansonsten ist meist Ruhe. Es stimmt aber, dass die Regelungen bezüglich Brandsicherheit und Hygiene und etlichem anderen wohl eher "praxisnäher" sind, als in Deutschland. Vor einem Jahr gab es mal eine Fernsehsendung bezüglich der Sicherheit in KIndergärten, da ging es aber vornehmlich um allgemeine Unfallgefahr beim Spielen und die Beaufsichtigung. So richtig einen Skandal hat dies meines Wissens nach nicht ausgelöst, bisher gab es da auch keinen Grund. Man liest nur sehr vereinzelt von schlimmeren Unfällen o.ä. in Kindergärten. Allerdings gibt es eine recht rigorose Qualitätskontrolle, in unserem speziellen Fall durch die Kommune (Fragebögen an die Eltern, aber auch Kontrollen im Kindergarten direkt) sowie Kontrollen und Umfragen durch den Träger selbst.

Interessant sind natürlich auch wieder die Reaktionen der deutschen Leser und schön, dass viele sich mal wieder beschweren, dass Eltern ihre Kinder abschieben wollen. Hin und wieder ist dieses Argument selbst hier in Schweden zu hören und zu lesen. Seufz. Es gibt da einen schönen Spruch, den ich gerne zitiere:

 "Es braucht ein ganzes Dorf, um EIN Kind zu erziehen."

Nach meinen eigenen Erfahrungen ist dieser Satz wahr, was nicht zuletzt an der Neugier, dem Entdeckungseifer, dem Bedürfnis nach Welt- und Lebenserfahrung kleiner Kinder liegt. So, und jetzt sollen mir doch endlich mal einer erklären, wo ich heute ein ganzes Dorf, oder auch nur eine Großfamilie herbekomme, die dieses eine Kind erzieht. Wo sind die Nachbarn, die Nachbarskinder, die Onkels, Cousinen und anderen Bezugspersonen, die Kinder bräuchten, denn heute noch jeden Tag von 8 bis 16 Uhr in wechselnder Folge verfügbar? 365 Tage im Jahr. Welche Väter arbeiten noch so nah am eigenen Zuhause, dass sie automatisch (und ohne Elternzeit z.B.) tagsüber das Kind miterziehen können. Welches Dorf fühlt sich denn heute noch für die Kinder anderer Leute zuständig? In Deutschland mag es das hier und da in Ausnahmefällen sogar noch geben, aber selbst da muss man doch suchen. Ist eigentlich allgemein bekannt, wie ätzend es Kinder finden, einen ganzen Tag in einer (recht kleinen) Wohnung eingesperrt zu sein, weil der einzige verfügbare Erwachsene (=die Betreuungsperson) eben doch mal putzen, waschen, Essen kochen muss und gleichzeitig versucht mit den Kindern zu malen, spielen, klettern, basteln. Man kann die Kinder dank Autos, Zügen und Bussen nicht einfach auf die Straße laufen lassen, unser Garten ist im Moment z.B. nicht mal eingezäunt, sodass mir selbst für die Älteren das Risiko eigentlich zu groß ist.  Im Kindergarten werden einfach auch Sachen gemacht, in denen ich furchtbar schlecht bin. Der Kindergarten ergänzt das, was ich meinen Kindern mitgeben will in ihren ersten Lebensjahren. Er ist ein erster, noch sehr geschützter, erweiterter Erfahrungshorizont für meine Kinder, ein zweiter Ort, an dem sie sich wohlfühlen und entfalten können. Mit "Abschieben" hat das überhaupt nichts zu tun, auch wenn meine Kinder schon mit 18 Monaten im Kindergarten anfingen. Trotzdem bin ich ihre Mutter und ich scheue mich nicht, diese Rolle voll und ganz wahrzunehmen, und das 24/7 bis ans Ende meines Lebens selbstredend. Auf manch anderes könnte ich dagegen gerne verzichten, aber das erlaubt mir unsere westeuropäische Lebensart nun einmal nicht.

Zu guter Letzt: Wäre es denn im Sinn der sich so äußernden Mitmenschen gewesen, wenn ich mich als Frau, die sich darüber bewusst war, dass sie ihre Kinder eben nicht im Alleingang mit einem hart arbeitenden Mann  erziehen würde können, lieber gewesen, ich hätte gar keine Kinder bekommen?

Tuesday, January 22, 2013

Armes Kind - !?

Für die Vorschulkinder steht heute ein Ausflug insFreilichtmuseum Skansen an ... bis heute morgen im Auto habe ich mir dabei gar nichts gedacht, aber als mein Blick auf das Thermometer fiel, weil mir so gar nicht warm werden wollte, auch nicht im beheizten Auto, da fing mir das Kind an, ein bisschen leid zu tun. Die Temperaturanzeige lag bei - 10 C° .... hm. Skansen liegt auf einem Hügel, direkt an der Ostsee, da gibt es also zusätzlich Wind, die Temperaturen am offenen Wasser sind immer noch mal etwas niedriger ... Ich bin gespannt auf den Bericht hinterher.

Dann gibt es Neuigkeiten von der Musikschule. Die bietet in diesem Jahr keine Vorschulklasse an. Das klingt zunächst mal ernüchternd, ist mir aber in diesem Fall ganz recht - oder kommt uns sogar gelegen. Bisher mussten die Kinder nämlich einen kleinen Test machen, um so ihr musikalisches Können/Talent/Potential zu zeigen. Im Normalfall finde ich soetwas für 6-jährige eher anstrengend, aber hier hat dieser Test dafür gesorgt, dass auch Kinder Chance auf einen Platz in der Schule bekamen, die vielleicht nicht ganz vorne auf der Liste standen, die aus anderen Kommunen oder gar aus Familien kommen, die im Normalfall vielleicht keine Chance hätten ihrem Kind eine solche Ausbildung zu ermöglichen (billig ist das Ganze deshalb aber trotzdem noch nicht und aufwendig sowieso). Nun gibt es aber ein neues Schulgesetz, dass Eingangsprüfungen für so junge Kinder verbietet. Da die Schule in der Innenstadt liegt, grenzt das aber in diesem Fall erheblich die Auswahl der potentiellen Schüler ein, resp. nimmt eventuell talentierten Kindern aus sozial schwächeren Familien durchaus eine Chance. Aus diesem Grund hat die Schule also eine Ausnahmegenehmigung beantragen müssen, die allerdings noch nicht fertig bearbeitet ist. Bis zum Schuljahresbeginn 2014 will man aber eine Lösung gefunden haben.

In unserem Fall ist das gut, weil wir bisher mehrere Schwierigkeiten hatten. Die hier ansässige Kulturschule, die zu erschwinglichen Preisen Musikunterricht anbietet, hat keine Angebote für Kinder unter 7 Jahre (zum Erlernen eines Instrumentes). Privatunterricht war zu teuer. Ohne Auto und mit dieser Masse an Kindern war die Chance, die billigere und früher mit dem Unterricht einsetztende Kulturschule Stockholms zu besuchen aus organisatorischen Gründen bisher eher unmöglich. Außerdem bietet die genannte Musikschule ein Vorbereitungsprogramm an, in dem Kinder sich ausprobieren und eben auch auf die in der Schule vermittelte Pädagogik einstellen können. Erst jetzt habe ich eine reelle Chance die Tochter daran teilnehmen zu lassen, was aber für das Schuljahr 2013/14 zu spät gewesen wäre. So haben wir ein Jahr länger Zeit, das Kind kann versuchen, ob das musikalische Talent, die Lust und der Wille überhaupt so lange reichen und ich kann mich in Ruhe auf die Deutsche Schule konzentrieren und hoffen, dass sie dort einen Platz bekommt. Manchmal hat das Leben ja doch einfach die Antworten parat, auf die man gewartet hat. Bitte nur Daumen drücken, dass ich jetzt auch tatsächlich einen Platz für sie in der "Lördagsverksamhet" = Samstagswerkstatt = im Vorbereitungsprogramm für das Kind bekomme ... muss heute nach 12 nochmal anrufen und nachhaken.

Wednesday, January 16, 2013

Es wird Ernst





Jedenfalls zunächst einmal für uns Eltern. Die Anmeldungen und Kennenlerngespräche an den Schulen werden aktuell. Ja, ganz richtig, an den SchulEN. Zwar gibt es hier in Schweden natürlich kommunale Schulen, aber eben auch viele sogenannte Freischulen, also Schulen, die andere Träger als den Staat haben. Das vergrößert die Auswahl hier in Stockholm natürlich erheblich, den jedes Kind hat grundsätzlich das Recht auf freie Schulwahl, auch über Kommunengrenzen hinweg. Klingt prima, oder? Es hat natürlich aber auch einen Haken. Sämtliche Schulen (außer den kommunalen) haben ... na, wer weiß es? Wer erinnert sich noch an den Turnverein? Ja, genau, Wartelisten. So stehen unsere Kinder also schon seit ewigen Zeiten auf den Listen zweier Schulen in Stockholm selbst: einmal auf der Liste für die Deutsche Schule und auf der Liste für eine Musikschule. Damit sind wir etwas ehrgeiziger als die durchschnittlichen schwedischen Eltern, aber hängen den durchschnittlichen Stockholm-Eltern, die ihr Kind vorsorglich auf die Liste sämtlicher nur annähernd in Frage kommender Schulen setzen, längst hinterher. Trotzdem muss ich unser Töchterlein natürlich auch für die kommunalen Schulen in ihrer Heimatkommune anmelden, damit sie nach dem Sommer aber auf jeden Fall in die Grundschule eingeschult werden kann. Drei Möglichkeiten muss ich dort angeben. Dabei gibt es noch eine schwedische Besonderheit, die ich bisher nur halb erfasst habe. Die Kinder kommen mit 6 Jahren in einer Art Übergangsklasse, die die Umstellung vom Kindergarten in die Schule erleichtern soll, offiziell "Förskoleklass" genannt. Auch nach sämtlichen Erklärungsversuchen habe ich bisher nicht ganz verstanden, was genau der Unterschied zu einer normalen, ersten Grundschulklasse ist, aber bald ist ja der erste "Offene Tag", also die erste Informationsveranstaltung einer der Schulen, da wird mir das hoffentlich alles etwas klarer.
Derweil zittere und bibbere ich hier - schließlich muss die arme Tochter ja wieder für sämtliche Geschwister "testlaufen" - ist die Deutsche Schule das richtige? Oder doch lieber das schwedische Schulsystem, das genau das Gegenteil des Deutschen ist? Vielleicht doch noch für eine realistische Chance auf der (ziemlich anspruchsvollen) Musikschule kämpfen? Und wenn kommunale Grundschule, welche ist die beste? Oder doch noch eine englischsprachige, internationale Schule? Es gäbe da eine Möglichkeit, allerdings gegen Schulgeld .... (schließt die ansonsten eigentlich fantastisch klingende Schule aber fast ganz wieder aus - bei vier Kindern!).  So telefoniere und maile ich hier jetzt also schon seit Tagen vor mich hin und hoffe heiß und innig, das am Ende irgendwie das richtige Ergebnis rauskommt und unser Kind tatsächlich so ganz richtig lesen und schreiben lernt ...

Monday, September 3, 2012

WOW ...

die letzten Wochen im groben Überblick:

- der Sommer ist vorbei.... und mich plagt der Gedanke an den Herbst/Winter, die Dunkelheit und die Kälte
- schwedische Bücher gelesen, müssen im Blog vorgestellt werden
- zum ersten Mal Autofahren in Schweden - selbst in der Großstadt so entspannt!!!
- zum ersten Mal ein Hybrid gefahren - und gleich mal einen Klassiker abgehakt
- Kinderchaos hoch vier 
- zum ersten Mal wirklich grausame Nächte mit Kindern, die ab 3/4 Uhr morgens der Reihe nach wach
werden, wieder einschlafen, wach werden, nicht mehr schlafen
- 5 Wochen Sohn Nr. 3 - und er wächst und wächst und wächst
- letztes Kindergartenjahr der Tochter hat begonnen
- Sohn Nr. 1 ist jetzt eines der "großen Kinder"
- Nona, Bah-bop  und Aml  - Sprachentwicklung bei Sohn Nr. 2 läuft besser, aber er nuschelt noch sehr (süß ist es aber und auch noch nicht weiter bedenklich und der Sohn ist ein richtiger Strolch)
- was ich schon immer mal zu den Vornamen unserer Kinder sagen wollte 
- Überlegungen zum "Älterwerden" - auch ich bin ab übermorgen "um die 40" --------- uuuuuuuuuuaaaaaaaahhhh .... 

... und vieles mehr, hoffentlich ab morgen hier .... 

Thursday, June 28, 2012

Drei Beispiele

Heute las ich diesen Post in meinem Lieblings-Nachbarblog und nach eifriger Überlegung möchte ich ihn gerne zum Anlaß nehmen, endlich mal drei Geschichten loszuwerden, die ich schon lange mit mir rumschleppe und die nur aus Zeitgründen und dann mangelndem Anlaß noch nicht im Blog verarbeitet wurden. Bzw., eine der Episoden liegt sogar in Vor-Blogzeiten. Involviert sind in allen Geschichten, Eltern, Fremde, Deutsche, Schweden und Kinder unterschiedlichen Alters. Ich erzähle die Geschichten chronologisch.
a) In einem normalen asiatischen Restaurant in Södermalm am Spätnachmittag zwischen 4 und 5 Uhr. Kein Gasthaus aber beileibe auch kein Nobelschuppen. Ich befinde mich dort mit meiner Schwägerin, deren Töchter (damals circa 4 und 7 Jahre alt), meinem Herzallerliebsten und unserer 2-jährigen Tochter. Wir sind die ersten Dinnergäste, als wir kommen ist das Restaurant leer. Als wir uns an einen Tisch gesetzt haben, nehmen die beiden größeren Mädchen, die das Restaurant zudem sehr gut von regelmäßigen Besuchen mit ihrer Mutter kennen, unsere Tochter und beginnen mit ihr zu spielen (laufen und lachen). Wir vertiefen uns derweil in die Speisekarte und von uns beinahe unbemerkt kommt ein deutsches Ehepaar mit Tochter und deren Freund (beide grob um die 20) herein. Sie setzten sich an den Tisch direkt neben uns. Die Kinder spielen weiter. Auf einmal merke ich, wie Aufregung am Nachbartisch entsteht und schaue erstaunt hoch. Die Bedienung wird gerufen und entrüstet wird auf Englisch gefragt, ob man sich an einen anderen Tisch setzen könnte. Die Lärmbelästigung vom Nachbartisch sei  nicht zu ertragen. Ich merke derweil, wie ich rot werde. Der Kellner führt die Familie wie gewünscht an einen anderen Tisch und ich höre noch, wie auf Deutsch bemängelt wird, dass wir unsere Kinder ja wohl überhaupt nicht unter Kontrolle hätten. Mir ist heiß. Warum? In diesem Fall wäre es so einfach (und den Landessitten entsprechend) gewesen, sich an uns zu wenden und zu fragen, ob wir das Lärmniveau der Kinder etwas senken könnten. Meine Schwägerin sah mich mit tellergroßen, fragenden Augen an und ich sah mich bemüßigt, irgendwie zu versuchen, das ungeschickte Verhalten der deutschen Touristen zu erklären.
b) Letztes Jahr in Deutschland. Ich bin mit meiner Schwester und ihren Töchtern im Schwimmbad. Natürlich liegen wir mit unseren Kindern nahe am Planschbecken. Dieses Planschbecken existiert seit mindestens 30 Jahren an eben dieser Stelle. Seit mindestens 30 Jahren ist die Entfernung zur Toilette die gleiche. Meine Schwester beobachtet entnervt, wie mehrere Mütter ihre Kinder im Alter von 1,5 Jahre bis 4 Jahre in das nur zwei bis drei Meter entfernte Gebüsch tragen und dort Pipi machen lassen. Nach der fünften Mutter fällt auch mir das eigentümliche Gebären auf, meine Schwester schaut mich an und ich winke abwehrend, mit hochgezogenen Schultern, mit den Händen: "Äh, also in Schweden an so einer Stelle, mit vielen Leuten: nein. In der freien Natur - kein Problem. Echter Notfall auf dem Nachhauseweg -auch kein Problem. Aber in einem Schwimmbad mit vielen Besuchern: definitiv nein." So ungefähr lautete meine Stellungnahme. Meine Schwester beginnt die Mütter anzusprechen und freundlich, aber bestimmt (so ist sie nun mal, gelle? :O) ) zu fragen, warum die Mütter ihre Kinder (die ihr Bedürfnis lautstark kundtun) denn nicht zur Toilette bringen. Ungefähr die dritte Mutter wird richtig sauer. Schließlich sei die Toilette ja so dermaßen weit weg und von so kleinen (????) Kindern könnte man nicht erwarten, dass sie das Pipi so lange einhielten. Erstaunt fragt meine Schwester, ob sie denn das Kind während der Fahrt auch ins Auto machen lassen würde, wenn das so gar nicht ginge. Ich persönlich verstehe nicht, warum Kinder vor 30 Jahren das Pipi einhalten konnten und heute nicht mehr. An dem Mehr an Kindern kann es ja wohl kaum liegen. Die betroffenen Mütter haben Glück, die Verbindung zum ansässigen Rathaus sind gut und in diesem Jahr wird ganz in der Nähe des Planschbeckens eine Toilette gebaut. Trotzdem darf man sich fragen....
c) Vor vielleicht zwei drei Monaten im Bus, hier in Schweden. Ich war mit den Kindern auf einer (kindgerechten) Kunstausstellung mit begehbarer Installation. Ideal für eine diesigen Freitag, an dem die Kinder nicht im Kindergarten waren, ich aber (mal wieder) ein Wochenende alleine mit ihnen vor mir hatte. Wir sind auf dem Rückweg, der Bus ist mehr als voll. Glücklich haben die beiden großen noch einen Platz ergattert, sodass sie sicher sitzen konnten. Mir hatte ein älterer Herr den letzten verfügbaren Sitzplatz angeboten, da er aber offensichtlich ein Hüftproblem hatte (Rollator stand vorm Kinderwagen), habe ich dankend abgelehnt und ihm den Platz überlassen. Ich stehe also neben dem Kinderwagen mit dem kleinen Mann. Der ist müde und wird langsam hungrig. Ich weiß das, bin aber aufgrund unseres Ausflugs meines Proviants beraubt. Die Busfahrt sollte noch vielleicht zehn Minuten dauern, der kleine Mann würde hoffentlich einschlafen. Tat er aber nicht. Er fing an zu schreien. Ich versuchte mit ihm zu reden. Gebrüll. Ich gab ihm etwas zum spielen. Gebrüll. ich schaukele den Wagen und singe. Gebrüll. Dank Schwangerschaft müde und erschöpft gebe ich auf, an der übernächsten Haltestelle würde ich ohnehin aussteigen. Hochnehmen konnte ich den Kleinen nicht (hätte ich aber gerne), zwei Mal wurde ich von Busfahrern mehr als angerüffelt, wenn ich dies während der Fahrt, ohne Sitzplatz getan hatte. Auf einmal höre ich, wie hinter mir jemand auf Schwedisch los raunzt, ob ich denn das Kind nicht endlich mal hoch nehmen wolle. Erschrocken drehe ich mich um, identifiziere die Person und entschuldige mich. "Es tut mir leid, mir gefällt es auch nicht das er schreit, aber im Moment kann ich leider nichts machen." Die Frau motzt weiter.  Hilfe suchend schaue ich nach dem Busfahrer (via Spiegel). Keine Reaktion. Etwas deutlicher sage ich: "Ich darf ihn jetzt nicht hoch nehmen, es ist kein Sitzplatz frei." Das sei ja wohl egal. Mir platzt der Kragen. Ich gehe vor zum Busfahrer, um ihm kurz die Situation zu erklären (und Unterstützung zu bitten), der sagt, ich solle die Frau einfach ignorieren. Die Frau belehrt mich weiter. Jetzt gar nicht mehr höflich sage ich ihr erneut, dass es verboten ist, Kleinkinder während der Fahrt aus dem Wagen zu heben, wenn man keinen Sitzplatz hat. Dann solle ich gefälligst mit dem Kind reden und es ablenken. Typisch deutsche Mutter sei das ja wohl, was ich da mache, die wüssten nicht mit Kindern umzugehen. Ich merke wie mir die Tränen hochsteigen, sehe die nächste Bushaltestelle kommen und steige panikartig aus. Der Fußweg ist zwar etwas länger, aber wenigstens bin ich das Gemotze los. Und muss mir nicht mehr anhören, eine kaltherzige Mutter zu sein, die sich keine Mühe gibt. Sicherlich lag ein Kommunikationsproblem vor, vielleicht hat die Frau es gar nicht so gemeint. Aber trotz ihres von Anfang an unfreundlichen Tons hatte ich versucht, ihr entgegen zu kommen.Mir war die Situation ja auch alles andere als angenehm.
Ich habe viele solcher Situationen erlebt -gerade hier in Schweden - die positiv verlaufen sind. Die Leute haben freundlich auf die Störung hingewiesen (entweder uns/die Eltern oder unsere/die Kinder direkt), oder aber helfend eine Hand gereicht (also den Kindern ruhig erklärt, was gerade gar nicht geht) oder aber verstanden, wenn man sie um etwas gebeten hat (neulich, der 1-jährige, der meinem Sohn begeistert und ohne böse Absichten sämtliche Schippen energisch abnehmen wollte samt seinem etwas verpennten Vater ;O) ). Die oben beschriebenen Situationen sind für mich absolute Ausnahmen und gerade deshalb so gut in Erinnerung geblieben. Aber sie zeigen vielleicht, wo das Problem liegt, wenn man "fremde Kinder erziehen" will, sich von Kindern gestört fühlt oder meint, etwas besser zu wissen. Es erfordert Sensibilität und Verständnis, von beiden Seiten.

Sunday, June 10, 2012

My kick-ass daughter


Heute war es endlich so weit, das Töchterlein war zum ersten Mal beim Training. Thai-Boxen, um genau zu sein. Warum wir das Kind mit fünf Jahren "einfach so" ins Thai-Boxen schicken, hat mehrere Gründe. Der Onkel, dem der zugehörige Club gehört, hat ihr das Training zum Geburtstag geschenkt. Kampfsport ist eine Familienangelegenheit, sozusagen. Der Onkel ist ein ausgezeichneter und bekannter Thai-Boxer und der Herr Papa ist, nun, sehr bescheiden, aber Kampfsportler durch und durch. Deshalb war es für uns auch nie eine Frage, dass die Kinder - wenn interessiert - auch einmal die eine oder andere Kampfsportart kennen lernen und eben auch trainieren würden. Schließlich habe ich selbst mit dem Mann als Trainer (oder besser: Sensei) in Brasilien kräftig und mit großer Freude trainiert. Von klein auf wissen sie, dass es sich hierbei um einen Sport handelt und dass man niemanden einfach so schlagen darf. Ich hätte die Tochter ja gerne zum Turnen geschickt, aber hier einen Turnverein aufzutreiben ... sie steht mit 2000 anderen hoffnungsvollen Kindern auf einer Warteliste für den einzigen (Elite-)Verein hier in der Gegend. So hatte ich mir das dann doch nicht vorgestellt, weder mit der Liste noch mit der Elite, normales Turnen ohne Liste hätte es vollkommen getan. Der Tanzkurs in der Kulturskolan war nett, entwickelte sich aber überhaupt nicht weiter und das Kind wollte gerne richtig Tanzen, also auch Stretchübungen machen, an der Stange stehen, usw. Es gibt natürlich die Ballettakademie in der Stadt, aber hier haben wir wieder zwei Probleme: Akademie = teuer, sehr teuer, und in der Innenstadt - ich mit drei (bald vier) Kindern alleine ... öhm. Im nahe gelegenen Fitnessstudio gibt es noch ein Tanzangebot für Kinder, das wird es im Herbst dann wohl gemeinsam mit der Nachbartochter werden. Ach ja, womit wir massenhaft bedacht wurden, sind Einladungen zu den diversen Fußballclubs in der Gegend. Nun ist Fußball bei uns auch eine große Sache (brasilianische Wurzeln, Vater selbst mal aktiver Spieler, usw.) nur: das interessiert die Tochter überhaupt nicht. Den Sohn, der beidfüßig drauflos kickt und im Kindergarten gerne mehrere Stunden Fußball spielend im Freien verbringt, schon eher. Nächstes Jahr im Herbst dann also, wenn er fünf wird. Denn unter fünf Jahren ein vernünftiges Sportangebot zu finden scheint hier - wie oben beschrieben - eher etwas schwierig. Da lobe ich mir doch das deutsche Vereinswesen mit seinen vielen Angeboten.
Die Tochter aber war stolz, denn Kampfsport findet sie trotz starker Tendenz zur Farbe Rosa und allen Dingen "weiblich" dann doch gut  ... ;O)

Tuesday, October 26, 2010

Mentalitätsunterschiede (2)

Wär hätte gedacht, dass ich diesen Beitrag noch einmal schreibe? Ich sicher am aller wenigsten. Aber hier kommt er jetzt und ich habe sogar noch Themen für weitere Beiträge dieser Art gefunden - wow! Dazu sei angemerkt, dass bei dem derzeitigen Vollzeit-Stress, der im realen Leben herrscht, ich dann doch fast wieder zufrieden mit mir bin. ;O) Aber das nur am Rande.

Zum Thema also. Was mir auch nach zwei Jahren immer noch positiv auffällt und was sich meiner Meinung auch deutlich auf die Kinder auswirkt, ist der Umgang mit genau diesen im "öffentlichen Raum" - also auf Straßen, Plätzen, Bussen, in Geschäften und so weiter.

Jeden Morgen muss ich die Kinder nun wieder ein paar Stationen mit dem Bus in den Kindergarten bringen und natürlich auch wieder abholen. Mal abgesehen davon, dass hier (noch) der Luxus herrscht, als Begleitperson mit Kinderwagen gratis Bus fahren zu dürfen, ist die allgemeine Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme auf busfahrende Mütter/Väter mit Kinderwagen immer wieder eine positive Überraschung - gerade auch von Menschen, die gerne mal die 60 oder 70 überschritten haben. So zahlreich wie hier die Kinderwagen sind, sind nämlich mindestens auch die "Rollatoren" (sie wissen schon, diese "Gehhilfe-Wagen"). Da kommt man sich im Bus schon mal ins Gehege. Oft passiert es, dass mir dann gerade die Besitzer dieser Rollatoren besonders freundlich helfen (!!!), Platz machen und ein nettes Schwätzchen mit den Kindern beginnen. Aber auch ansonsten gehen ältere Menschen gerne - und meist vollkommen unaufdringlich - zur Hand, wenn man mit den Kindern in unangenehme Situationen kommt. Häufig haben Damen und Herren im Großelternalter schon erfolgreich einen von Jonahs Tobsuchtsanfällen unterbrochen, in dem sie sich ihm einfach freundlich zuwandten und an seine guten Manieren appellierten: "Na, ärgerst Du Dich so sehr. So schlimm kann es doch gar nicht sein ... " etwa in dem Stil und es ist fantastisch zu sehen, wie die Kinder (Jonah! ;O) ) verdutzt darauf reagieren und augenblicklich verstummen. Mal abgesehen davon, dass einem SAchen, die die Kinder in einem unbeobachteten Moment mal ebenso auf der Straße entsorgen (Mützen, Handschuhe, Spielzeug)fast immer freundlich nachgetragen werden - oder aber, man wird von Passanten zumindest auf den Verlust aufmerksam gemacht, sodass man die Sachen noch rechtzeitig wieder einsammeln kann.
Auch andere Eltern sind meist bedacht darauf zu achten, dass gerade im Bus auch für alle Platz ist, die mitfahren wollen. Die Kinder winken einander im besten Falle zu und kurze Unterhaltungen miteinander / über die Kinder verkürzen oft die Fahrt. Ich bin mittlerweile diesbezüglich so verwöhnt, dass ich regelmäßig in deutsche Grantigkeit verfalle, wenn jemand es mal versäumt, den Kinderwagen richtig hinzurücken, wenn ich z.B. zusteigen will. (Wobei ich mich dann immer möglichst schnell zusammenraufe und mich daran erinnere, dass andere ja nun auch mal einen schlechten Tag haben können).
Im Geschäft, wenn die Kinder mal wieder super ungeduldig in der Gegend rumzappeln, kann ich fast darauf wetten, dass die Verkäuferin irgendwas aus dem Ärmel zaubert. Entweder eine erstaunliche Geduld, gepaart mit geradezu pädagogischem Geschick und irgendetwas, das die Kinder beschäftigt oder - im schlimmsten Fall - einen Lolli (die ich im Übrigen meist der Ewigkeit meiner Tasche anheim führe, sobald wir das Geschäft verlassen haben).
Kinder sind gerne gesehen, willkommen und fast niemandem (Ausnahmen gibt es natürlich überall, wenn hier auch nur sehr selten) würde es einfallen, sich über spielende, laute Kinder zu beschweren oder diese als Belästigung anzusehen. Selbst wenn die Kinder brüllen, ist die Toleranzgrenze immernoch erstaunlich hoch. Okay, Jonah hat es schon ein paar Mal geschafft, auf dem Nachhauseweg nicht nur meine, sondern auch die Nerven der gerade von der Arbeit kommenden Mitreisenden arg zu strapazieren. Trotzdem hält sich die Ablehnungshaltung immer noch spürbar in Grenzen ... so könnte ich mir das in Deutschland einfach nicht vorstellen.

Es wird auch gerne mit Kindern interagiert. Oft rufen Amélie oder Jonah einem Passanten oder Mitreisenden ein "Hej" entgegen oder winken. In mindestens 95% der Fälle kann ich darauf rechnen, dass dies mit einem Lächeln und/oder einem Gegengruß quittiert wird ... wie oft habe ich in Deutschland da schon anderes erlebt. Dabei ist es auch völlig wurscht, ob der/die Angesprochene 12, 22, 52 oder 82 Jahre alt ist. Kinder sind hier einfach normal und müssen nicht gerechtfertigt werden. Sie gehören zum alltäglichen Leben dazu, sind keine Ausnahmen und keine Exoten, sondern in den meisten Fällen eine positive Erscheinung, auch wenn diese Erscheinung gerade am heulen ist, irgendwas um sich wirft oder neugierig irgendetwas betastet. Das einzige, was meiner Beobachtung nach auf Ablehnung stößt, ist, wenn die Eltern nicht adequat (also beaufsichtigend, lehrend, fürsorglich, konsequent, geduldig) auf das kindliche Verhalten reagieren. Solange man dieses Bemühen zeigt, kann man fast mit der Unterstützung der Allgemeinheit rechnen. Wenn nicht, dann kann es schon mal offen geäußerte Kritik geben, meist in Form von knappen, trocken hervorgebrachten, sehr sachlichen Hinweisen.
Ich finde schon, dass dies ein himmelweiter Unterschied zu den Erfahrung ist, die ich in dem einen Jahr mit Amélie in Deutschland gemacht habe ... ich lasse mich aber gerne auch eines besseren belehren, falls jemand das Gegenteil zu berichten weiß ....

Sunday, June 6, 2010

Mentalitätsunterschiede (1)

Während wir also gut 3,5 Wochen im recht grauen Deutschland - oder zumindest in meiner recht regen-verhangenen Heimatregion - weilten, ist mir die eigene Skandinavisierung aufgefallen, sozusagen. Bei den wenigen Malen, anlässlich derer ich neben der eigenen FAmilie und alten Freunden mit der deutschen Kinderfreundlichkeit in Kontakt kam, hat mich dies sehr verblüfft. Alles kann man sicher nicht verallgemeinern und es sind natürlich subjektive Eindrücke, trotzdem möchte ich diese doch irgendwie gerne noch los werden.

1. Eltern haften für ihre Kinder. Dieses Schild habe ich in Schweden - ungelogen - noch NIE gesehen. Ich habe diesen Hinweis hier so noch nie gesehen, dass mir dessen Existenz in deutschen Landen völlig entfallen war. Das mag daran liegen, dass erstens Eltern hier nicht daran erinnert werden müssen, dass sie für ihre Kinder verantwortlich sind und zweitens, dass viele für Kinder ausgerichtet Anlagen eben auch "kindgerecht" sind. Und zwar für alle Altersgruppen.
Eine gegenteilige Erfahrung machte ich in Deutschland. In der nächstgelegenen Stadt hatte irgendwann im letzten Jahr (?) ein Mega-Gartencenter eröffnet, eines mit allem Pipapo ... Pflanzen, Deko, Geschirr, Haustieren, Brunnen, Restaurant, Café ... man kann die Liste endlos fortführen. Da meine Nichte sich Rennmäuse zum Geburtstag wünschte, führte unser Weg uns also eines Tages dorthin. Und ich kam tatsächlich aus dem Staunen nicht mehr heraus, ein wahrer Tempel des Garten-Kommerzes mit allem, was das Hobby-Gärtner-Herz sich nur so wünschen kann. In diesem Gartencenter gibt es als zusätzliche Attraktion also auch noch ein "Playcenter" für Kinder. So eines, wo man also relativ gefahrlos klettern, rutschen und toben kann und das vom Prinzip sehr dem "lekpark inomhus" entsprach, in dem ich just Ende April war. Am Eingang fanden sich mehrere Hinweisschilder. "3 bis 6 Jahre" stand da auf einem zu lesen. "Eltern haften für ihre Kinder" auf einem anderen und "Regeln für die Benutzung" auf einem dritten. Da ich nichts falsch machen wollte, habe ich mir also erst brav die Regeln durchgelesen. Mehrmals wurde darin erwähnt, dass die Eltern ihrer Aufsichtspflicht nachkommen müssen. Gut, dacht ich mir mit Blick auf die Anlage, dann muss ich mit meiner kurzen 3-jährigen eben in das Ding rein, um zu sehen, ob das auch klappt.
Gesagt getan.
Gleich nach dem Eingang befand sich eine Tunnelrutsche, die gut 3 bis 4 Meter spiralförmig "in die Tiefe ging" und in die Amélie sofort hinein wollte. Da die Kinder unkontrolliert rutschten, ich hörte, dass einige Kinder irgendwo mitten auf dem Weg nach unten angehalten hatten und das Ding doch ziemlich lang war, brachte ich Amélie von der Idee ab. Amélie kann zwar tough sein, aber sie ist auch vorsichtig und erschrickt eben auch mal vor Dingen, die sie nicht voll abschätzen kann/konnte.
Weiter gings und wir kamen an eine gerade, gut einsehbare Rutsche, die in einem Ballbad (oder wie nennt man das) endete. Doof, dachte ich noch, dass Ballbad wäre schön für die ganz Kleinen gewesen, wenn es denn getrennt von der Rutsche gewesen wäre. Wir rutschten also und machten uns wieder auf den Weg nach oben. Dabei fiel mir auf, dass die "Stufen", die es zu erklimmen galt, Amélies Brusthöhe hatten. Sie hätte also nicht alleine wieder nach oben gekonnt. Zusammen sind wir also wieder rauf und nocheinmal runtergerutscht. Da erwartete mich auch schon eine Mitarbeiterin des Gartencenters.
Ich müsste da raus, Erwachsenen seien nicht erlaubt. Meine erste Reaktion war: "Oh Mist, klar, die wollen keine 50 übergewichtigen Eltern in dem Ding rumtrampeln haben, geht ja auch schlecht." Und ich habe mich ein bisschen geschämt. Aber dann ... "HALLO?" Ich kam nicht umhin die Dame - tatsächlich freundlich - zu fragen, wie ich dann bitte meiner so deutlich angemahnten Aufsichtsplficht nachkommen sollte. Ich bekam natürlich keine vernünftige Antwort. Das ganze sei eben dann doch für ältere Kinder, man könnte ja die großen Geschwister mitschicken (ich wies schmunzelnd darauf hin, dass Amélie ja schon die große Schwester sei) und man sollte sich ja vielleicht nicht so viele Sorgen machen, diese Anlagen seien sehr verletzungssicher. Sind sie auch, ich war ja gerade in einem schwedischen Exemplar, in dem diese Anlage so aufgebaut war, dass ich selbst meinen 1,5jährigen "alleine" lassen konnte, ohne ihn aus dem Blick zu verlieren und befürchten zu müssen, dass er irgendwo herunterstürtzt und/oder nicht hochkommt.
Kurz, ich habe mich hinterher ein wenig geärgert. Es wird glauben gemacht, man könnte sein dreijähriges Kind in dieser Anlage spielen lassen, aber man hat nicht darüber nachgedacht, diese auch tatsächlich so zu gestalten. Bereiche werden nicht altersgerecht abgegrenzt, sodass jedes Kind davon etwas hat, sondern die "Großen und Starken" sind klar im Vorteil. Statt dessen wird die Haftpflicht mit einem Haufen rechtlicher Hinweise von sich gewiesen und wenn man dann als Elternteil eben dieser Pflicht - nämlich sicherzustellen, dass das eigenen kleine Kind auch tatsächlich alleine in der Anlage klarkommt - wirklich nachkommen will, ist dies auch verboten. Ja was denn nun?

Ich kenne in Stockholm einen Spielplatz, der ein Extrem-Beispiel ist. Hier gibt es drei klar getrennte Bereiche - einen für Krabbelkinder bis circa 2 Jahre, einen für 3, 4 vielleicht auch 5 und 6-jährige und einen für "große" Kinder. Klettergerüste, Rutschen und Schaukeln sind diesen einzelnen Altersgruppen angepasst. Das besagte (ebenfalls privat betriebene) Playcenter, in dem ich kürzlich war, funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Im Prinzip ist jeder für Kinder gestaltete Raum/Spielplatz/was-auch-immer altersgerecht aufgebaut, alle Altersgruppen haben die Möglichkeit unter sich sicher spielen zu können. Dabei werden die Kinder selbstverständlich von mindestens einem Elternteil begleitet und beaufsichtigt, je nach Alter mehr und intensiver (unter circa 5 Jahre) oder eben weniger. Etwas anderes käme hier auch niemandem in den Sinn. Die auf der Bank sitzenden tratschenden Eltern sind für mich mittlerweile ebenso eine typisch deutsche Erscheinung wie das augenscheinlich vorherrschende Unvermögen im öffentlich zugänglichen Raum vernünftig auf die Bedürfnisse von Kindern aller Altersgruppen einzugehen.

Wednesday, June 10, 2009

"Dagis" und Abenddämmerung

Das war also unser erster Elterneinsatz im Rahmen einer Veranstaltung einer erzieherischen Einrichtung unserer Kinder. Kurzweilig war es, interessant und lustig-chaotisch. Amélie sah danach aus wie ein gerupftes Hühnchen, aber nach 6 Stunden vollem Programm und dann noch "Elternbespaßung" ist das ja auch kein Wunder. Die "Elternbespaßung" bestand aus dem Vortragen einiger typischer, schwedischer (lindgrenscher) Sommerlieder. Eigentlich kennt Amélie diese Lieder ganz gut, aber in dem Moment war es viel interessanter, sich die Situation insgesamt zu betrachten, als dass sie wirklich hätte mitsingen können - wobei ich sicher bin, dass die Qualität des Vortrages dadurch wesentlich gebessert worden wäre ;O) - es war schon entzückend schief, was wir zu hören bekamen. Aber Eltern sind da ja leidensfähig und hinterher auch immer noch extatisch veranlagt ("oh, wie süß!!")

Seit Anfang Mai geht Amélie, die jetzt ziemlich genau zwei Jahre alt ist, also in eine schwedische Kindertagesstätte (hier "Dagis" oder auch offiziell "Förskola" genannt). Sie bleibt dort 6 Stunden, ist mit allen Kindern ein warmes Mittagessen und macht dort auch Mittagsschlaf. Jeden Tag - auch bei Regen - gehen alle Kinder rund 2 Stunden an die frische Luft. 24 Kinder sind insgesamt in ihrer Dagis und vier bis fünf Betreuer, davon 2 Männer. Es gibt zwar eine "lose" Gruppeneinteilung nach Alter, aber alle Kinder spielen auch, so wie sie es wollen und können, miteinander und es gibt feste Programmpunkte im Tagesablauf, an denen alle Kinder gleichermaßen teilnehmen, wie z.B. eine gemeinsame Singstunde.
Viele schwedische Kinder gehen oft schon mit 1 oder 1,5 Jahren für bis zu 6 Stunden in eine Dagis, je nachdem wie die Eltern sich ihre Elternzeit eingeteilt haben und wie schnell sie einen Platz bekommen haben. Dank Kinderboom in den letzten 3, 4 Jahren sind auch hier in Stockholm die Wartezeiten etwas länger geworden und man muss teilweise schon 4 bis 6 Monate einrechnen, bis man - als Neuzugang - einen Platz bekommt.

Amélie fügt sich jetzt gut ein und ich bin eigentlich froh, ich glaube letztendlich war es ein guter Zeitpunkt für sie, erste Schritte von Mama und Papa weg zu tun. Wir hatten und haben - wenn jetzt auch etwas weniger - ja immer den Luxus, beide viel Zeit mit unseren Kindern verbringen zu können, sodass sie schon viel Nestwärme hatte. Wir lassen uns auch noch täglich genauestens Bericht erstatten: wie ging es ihr am Tag, was hat sie gegessen, mit wem hat sie gespielt, gab es etwas besonderes - auf diese Weise hilft uns die Dagis bei unserer eigenen Erziehung und ist so, was es für uns sein soll: eine Ergänzung zu dem, was wir ihr bieten können und wollen. Ich empfinde es als großes Glück, dass das hier in Schweden (? - wie die Entwicklung derzeit in Deutschland ist, ist mir ehrlichgesagt nicht so ganz klar) alles so selbstverständlich möglich ist. Mal ganz abgesehen davon, dass dadurch eben auch beide Eltern auf ganz natürliche Weise einem Beruf nachgehen können - und zwar nicht nur auf dem Abstellgleis sondern mit aktiver Karriereplanung im Hinterkopf. Genau das war es eigentlich, warum wir letztendlich nach Schweden gezogen sind.

Getroffen haben wir dann auch gleich noch eine Reihe interessanter Eltern, und das war ein weiterer Grund, warum ich mich so darauf gefreut hatte. Da wir kurz vor Jonahs Geburt nach Schweden gekommen sind, verlief und verläuft meine soziale Intergration etwas verhalten und außerdem wollte ich auch gerne einen Eindruck davon bekommen, wer sich da noch so in der Dagis "tummelt". Das schöne war, die anderen Eltern waren oft ein bisschen so wie wir. Da war ein russisch-amerikanisches Elternpaar (wir waren so in ein Gespräch über Linguistik vertieft, dass ich völlig verbrummt habe zu fragen, wie die beiden eigentlich nach Schweden kamen), ein schwedisch-südafrikanisch-polnisches Elternpaar, ein schwedisch-portugiesisch-schwedisches Elternpaar mit fester Bindung nach Deutschland, usw. usw. usw. - kurz: sehr oft kulturell bunt gemischt und trotzdem schwedisch. Und irgendwie dachte ich, dass das in unserem Alter (also so von Anfang 30 bis Mitte 40) in Deutschland doch noch nicht ganz so stark verbreitet ist, oder irre ich??? Außerdem waren in mindestens 50% der Fälle tatsächlich BEIDE Elternteile anwesend - tortz Termin um 15 Uhr an einem Mittwoch Nachmittag.
Wir haben hier und da Nummern ausgetauscht, jetzt müssen wir sehen, wer sich meldet bzw. wen wir letztendlich kontaktieren wollen.

Jetzt ist der Post viel trockener geworden als geplant, eigentlich sollte es etwas lustig hergehen, aber vieleicht sind diese Informationen ja doch auch interessant. Was die Abenddämmerung anbelangt - als ich so um 22:30 anfing zu tippen war der Himmel noch leicht blau-grau. Jetzt ist es dunkel, aber in ein, zwei Stunden beginnt wieder die Morgendämmerung. Dringend Zeit für mich, etwas Schlaf zu finden ... Gute Nacht!!

Monday, June 8, 2009

Entdeckt und für gut befunden...

... schnell ein Link zu einem interessanten Bericht über schwedische "Kindergärten" .... in Englisch zwar, aber dennoch gut verständlich:

http://www.edutopia.org/global-education-sweden-preschool